Rede der Bürgervorsteherin zum Volkstrauertag

Meine Damen und Herrn, ich begrüße Sie recht herzlich.

Der Tag, den wir heute mit dieser Veranstaltung begehen, ist der Volkstrauertag, und das ist weit mehr, als die Erinnerung an gefallene Soldaten beider Weltkriege.

Gudrun Bichowski

Bürgervorsteherin Gudrun Bichowski

Heute stehe ich hier an unserem Ehrenmal bereits das neunte Mal, um mich an alle Schenefelder zu wenden.
Schön, dass Sie da sind meine Damen und Herrn!

In diesen Jahren meiner Amtszeit ist es mir immer klarer geworden, über wie viele Dinge, wir uns anlässlich dieser Gedenkfeier unterhalten könnten und müssten.
Ist das nicht seltsam?
Nein!

Denn es geht uns alle an. Es geht alle Schenefelder an. Sie sind heute die Vertreter der Opfer.
Ein jüdisches Sprichwort sagt:
Menschen die man vergisst, sterben ein zweites Mal.

Enttäuscht bin ich immer wieder von der Aussage, den Volkstrauertag nicht mehr hoch zu halten. Enttäuscht bin ich auch von dem geringen Interesse an dieser Gedenkfeier.

Warum dieses Desinteresse?
Vielleicht weil Krieg uns meist nur noch in den Nachrichten erreicht, die wir weg schalten können! Oder aus der Zeitung, die wir weglegen können. Das Geschichtsbuch kann man auch einfach zu klappen.

Wir regen uns, über ein in Flammen aufgehendes Smartphone mehr auf, als über Brandbomben die über Aleppo abgeworfen werden.

Liebe Anwesende.
Jeder Soldat war auch Sohn, bestimmt auch Freund, Ehemann oder Vater.
Opfer des Krieges waren auch Kinder. Kinder, die eigentlich beschützt und von Liebe umgeben aufwachsen sollten.
Ihr Leben lang haben diese Kriegskinder Sicherheit vermisst. Kriegserfahrung, Flucht und Ungewissheit hinterlassen Spuren bei Kindern.

Die Kinder der Kriegskindergeneration bleiben zwar vom Schrecken des Krieges verschont. Aber nicht in der inneren seelischen Welt, der Krieg hinterlässt Wunden, die bei vielen ihr Leben lang nicht geheilt sind. Nur unversehrte Eltern können ihren Kindern Sicherheit und Liebe geben.
In vielen deutschen Familien spielten sich in den fünfzigern bis hinein in die sechziger Jahre andere Kriege ab. Der Versuch, das mühsam aufgebaute Leben mit dem seelischen und den Erlebten in Einklang zu bringen, hatte seinen Preis. Das Überleben und der Wiederaufbau erforderten die ganze Kraft.
In vielen Familien waren die Kinder in den Nachkriegsjahren unsichtbar, weil die Eltern selber noch umgeben von Nebel lebten, und ihnen die Vergangenheit realer erschien, als die Gegenwart. Die Menschen wurden  mit den Langzeitfolgen des Kriegstraumas nicht fertig, den bei Kriegsausbruch waren sie Jugendliche, im besten Alter.

Alle Versuche, etwas über die Kriegsjahre von meiner Mutter zu erfahren waren zwecklos. Das eiserne Schweigen meiner Mutter macht mich heute noch stutzig.
Warum durfte man ihr nicht zu nahe kommen?
Warum zuckte sie immer zusammen, wenn irgendwo eine Feuersirene zur Probe aufheulte?
Warum hatte Sie oft unerklärliche Angst, dass uns Kindern etwas zustoßen könnte.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der meinen Geschwistern und mir ständig die Erlebnisse des Krieges, eher als Abenteuergeschichte schilderte.
Er hatte seinen eigenen Umgang mit dieser Zeit.
Jeder versuchte auf seine persönliche Weise das Erlebte zu verarbeiten.

Heute weiß ich, meine Mutter war von ihren Erfahrungen traumatisiert.
Heute weiß ich, dass Sie die Spur während der Flucht, zur Familie verlor.
Ich habe auch erfahren, welche besonderen Ereignisse, gerade bei den weiblichen Heranwachsenden vorgefallen sind, die auf der Flucht waren.
Heute weiß ich, meine Mutter war die beste, die sie sein konnte.
Mehr war nicht möglich.

Trauer ist ein langer schmerzlicher Vorgang, – den jeder Betroffene auf andere Art und Weise erlebt, und versucht, damit zurecht zu kommen.
Der zweite Weltkrieg liegt schon lange zurück seine Folgen sind aber bis in die zweite Generation noch zu spüren.

Schon deshalb sollten wir unseren Kindern mit Nachdruck den Frieden erklären.
Damit sie anderen nicht den Krieg erklären müssen.
Kinder trifft nicht die geringste Schuld, aber sie haben die größte Angst und werden am meisten geprägt, für ihr ganzes Leben.

Meine Damen und Herrn,
der Start des neuen Schuljahres ist in Aleppo verschoben worden, weil ein Drittel, der Bombentoten der vergangenen Monate, Kinder waren.

Ich wünsche mir für alle Kinder dieser Welt, deren Name ich nicht kenne, in einer Welt leben zu dürfen, in der Frieden natürlich ist.

Wir denken an die Kinder, die von ihren Familien getrennt und zu Waisen wurden.
Wir denken an die Menschen, die in jüngster Zeit, auf der Flucht starben, ob im Mittelmeer oder auf einer anderen Route.
Wir gedenken heute aller Menschen, aller Völker, die Opfer von Gewalt wurden.
Wir gedenken der Soldaten, die starben, weil sie für falsche Ziele  eingesetzt wurden.
Wir trauern um junge Männer der Bundeswehr, die in jüngster Zeit für den Weltfrieden im Einsatz waren und starben.
Wir trauern um die Opfer der Bürgerkriege und Opfer von Terrorismus unserer Tage.

Ich bitte Sie, liebe Schenefelder, diese Toten mit Frau Bürgermeisterin Küchenhof und mir zu ehren, und bitte Sie jetzt, um einen Schweigemoment im stillen Gedenken, wenn wir als Symbol den Kranz der Stadt niederlegen.