Rede der Bürgervorsteherin Gudrun Bichowski zum Volkstrauertag am 19. November 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

zwei Sonntage vor dem ersten Advent erinnert uns der Volkstrauertag an alle Opfer von Krieg und Gewalt.
Fordert uns aber auch auf zum Nachdenken, darüber, wie wir heute auf Krieg, Gewalt, Terrorismus reagieren und was wir ganz persönlich, für Freiheit und Menschlichkeit tun können.
Darum haben wir uns heute hier am Ehrenmal getroffen.

Gudrun BichowskiIch freue mich, dass Sie gekommen sind.
Mit zu den erschütternden Quellen der Kriege gehört die Feldpost.
Hier ein Auszug eines Briefes von einem Soldaten.
“Meine Lieben, ich vermisse Euch ganz doll und meine Stimmung schwankt auch immer hoch und runter. Untergebracht bin ich in einem Schlafsaal mit 6 X 25 Metern für 25 Soldaten. Dieser Raum dient jedoch nicht nur zum Schlafen, sondern ist auch Wohn- Arbeit und Besprechungszimmer. Wir sind eng zusammengerückt. Draußen müssen wir uns selbst bekochen. Am schlimmsten ist es, wenn ich Kinder weinen höre. Es tut mir schon gewaltig weh in meinem Herzen.”
Meine Damen und Herren, es ist kein Brief aus dem 1. oder 2. Weltkrieg, nein ein Brief aus Afghanistan, der 2013 geschrieben wurde.

Ja, es gibt wieder Feldpost aus Kriegen mit deutscher Beteiligung.
Es gibt wieder Briefe von einer Front, die die Soldaten auf ganz eigene Art mit der Heimat verbindet. Und wieder sind deutsche Soldaten fern der Heimat, am Hindukusch und in der Wüste von Mali involviert und in Gefahr.

Vor acht Jahren wurde der erste deutsche Soldat in Afghanistan getötet, ihm sollten noch 56 weitere folgen.
Der Einsatz ist ein Anderer als in den Weltkriegen, die Angst der Soldaten und deren Angehörige ist aber die gleiche.
Ein Mensch stirbt im Auslandseinsatz, weil er tut was sein Auftrag ist.
Ein Auftrag den das deutsche Volk ihm gegeben hat, dessen Recht und Freiheit er geschworen hat zu verteidigen.

Dennoch galt, in den ersten Jahren, der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan als Friedensmission.
Doch als noch mehr Menschen ihr Leben in diesem Land lassen mussten, erst bei Anschlägen und später in Gefechten spricht der damalige Verteidigungsminister von kriegsähnlichen Zuständen.
In vielen Briefen drückten Soldaten ihren Missmut darüber aus.
War es nicht Krieg in dem sie sich befanden?
Was musste noch geschehen.
Sie fühlten sich von den Politikern alleingelassen.
Ob wir mit den Einsätzen unser Soldaten einverstanden sind oder nicht, sie und Ihre Angehörigen sollten nie das Gefühl haben von uns allein gelassen zu werden.

Meine Damen und Herren während wir hier stehen, gleich den Kranz niederlegen und die Musik uns begleitet, werden weltweit Kriege geführt und Menschen getötet, basteln Terroristen hier in unserem Land an Sprengkörpern, die Menschen töten sollen.
Unsere Ohnmacht wird durch diese Nachrichten offen gelegt.

Ich selbst gehöre zu einer Generation, die Krieg im eigenen Land nie erlebt hat. Gehöre aber zu einer Generation, die durch die Nachkriegszeit geprägt wurde.
Es hat gedauert, bis ich auf Fragen , Antworten bekam und dann immer noch nicht alles verstanden habe.
Zum Beispiel: Was ist eine Gefangenschaft, warum haben Familien sich aus den Augen verloren und wurden auseinandergerissen, weil sie auf der Flucht waren.
Warum mussten Kohlen gehamstert werden, und wieso gab es so wenig zu Essen.
Wer sich so erinnern kann, hat bestimmt viel von der Botschaft des Volkstrauertages verstanden.

Es berührt mich heute noch zutiefst, dass die Menschen unter der Naziherrschaft so unsäglich gelitten haben.
Wir Kinder der Nachkriegsgeneration sind jene, die wissen, aber als kleines Kind nicht verstanden haben, was der Weltkrieg für die Menschen bedeutet hat.
Und diese Kinder gehören auch zu den Zeitgenossen, die sich an den Spruch von damals erinnern der in aller Munde war.
Nie wieder Krieg !
Wie viel Wert hat das Motto heute eigentlich für uns?
Denn nach den Weltkriegen folgten deutsche Einsätze im Kosovo, Afghanistan, Irak und jetzt Mali.
Aber nicht als Eroberer, sondern weil wir aus unser Geschichte gelernt haben.
Das seelische Leid betrifft nicht nur die Vergangenheit, sondern gilt auch für jeden aktuellen Krieg dieser Welt.

Können wir Weltfrieden erreichen?
Ich würde es mir sehr wünschen, glaube es aber nicht.
Es gibt zu viele Baustellen und wir werden keine Friedensmaschine erfinden können. Als einzelner kann man da wenig tun.
Und die wenigen Möglichkeiten die wir haben, sollten wir nutzen.
Wir sollten Nachdenken über die Ursachen von Kriegen und deren Abschaffung wachhalten.

Es ist ein Beitrag zum Frieden, wenn man sich für andere Menschen einsetzt und das beginnt bei jedem zu Hause.
In der Familie, im Freundeskreis, im Beruf oder in der Schule kann man Frieden schaffen, Toleranz zeigen und Lösungen für alle suchen.
Sich also für ein friedliches Miteinander einsetzen. Die Hoffnung auf Frieden sollten wir niemals aufgeben.

Es bleibt mir das Hoffen, keinen Krieg erleben zu müssen, weil ich so sehr für das Leben bin.
Die verfügbare Zeit wird immer knapper und die Kraft eines einzelnen ist begrenzt.

Meine Damen und Herren, ich hoffe sehr, dass keiner unser Glück mitgenommen hat, das Glück, das wir über 70 Jahre in Frieden und Freiheit leben konnten.